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Zeitkapsel geborgen und entschlüsselt

Der «Vater der Archäologie in der Zentralschweiz» war Pater im Kollegium Sarnen. Über seine Tätigkeit als Lehrer kam Emmanuel Scherer zur Archäologie. Anfang des 20. Jahrhunderts stieg er zur Grösse in seinem Fach auf.

 

 

«Er hatte eine riesige Schaffenskraft», sagt Martin Berweger staunend. Die Rede ist von Pater Emmanuel Scherer, geboren 1876 und gestorben 1929, unvermittelt, an Typhus. Die 53 Jahre Lebenszeit Pater Emmanuel Scherers, kurz auch PES, waren von Arbeit und Studium geprägt. Als Lehrer im Kollegium Sarnen legte er eine Sammlung für den Unterricht an, die allerdings mehr war als eine reine Zusammenstellung von Demonstrationsobjekten.

2022 wurde diese Sammlung im Professorenheim des Kollegiums wiederentdeckt. Martin Berweger war damals als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Kantonsarchäologie Obwalden bei der ersten Sichtung dabei. In den nachfolgenden Jahren inventarisierte er im Rahmen eines Sonderprojekts der Kantonsarchäologie Luzern und der Fachstelle Denkmalpflege und Archäologie Obwalden die archäologischen Objekte und arbeitete den gesamten schriftlichen Nachlass des Sarner Paters durch. Er ist auch der Hauptautor des neuen Murensia-Bands, der diesen Juni erscheint: «Pater Emmanuel Scherer. Ein Sarner Benediktiner und die Anfänge der Archäologie in der Zentralschweiz».

 

«Vater der Archäologie in der Zentralschweiz»

«In Fachkreisen war Pater Emmanuel Scherer als Name schon vor 2022 bekannt», sagt Martin Berweger. Man wusste, dass Pater Emmanuel Scherer in archäologischen Kreisen sehr gut vernetzt war. Auch war bekannt, dass er 1907 Gründungsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Urgeschichte war. Er entdeckte den römischen Gutshof in Alpnach, eine bedeutende römische Fundstelle in der Zentralschweiz, und liess die Grabungen nach damals relativ neuen archäologischen Methoden durchführen. Den Murenser Patres in Sarnen und einigen Schülern war auch bewusst, dass der Schrank im Kollegi viele interessante Funde enthielt. Ein Inventar davon bestand aber nicht. Einzelne der Objekte wurden in Publikationen erwähnt, so zum Beispiel das Hirschgeweih aus der Mittelsteinzeit, gefunden in Lungern am Brünigpass. Wo dieses Geweih aber genau lagerte, war während etwa 100 Jahren vergessen. 

Nach der Dokumentation der über 3500 archäologischen Objekte aus Pater Emmanuels Sammlung und der systematischen Lektüre aller schriftlicher Unterlagen des Sarner Lehrers sagt Berweger: «Pater Emmanuel Scherer kann mit Fug und Recht als Vater der Archäologie in der Zentralschweiz› bezeichnet werden.» Mittlerweile befinden sich die Objekte sauber sortiert im Museumslager Sarnen, Korrespondenz, Notizen und Dokumentation dazu sind ausgewertet.

 

Botaniker, Zoologe, Germanist – und Archäologe

Zwischen dem Tod Pater Emmanuels und der Wiederentdeckung 2022 befand sich die Sammlung im Kollegiengebäude – in zwei Kommoden und in einem Schrank. Neben den archäologischen Objekten gehörten dazu auch ein Herbarium und eine Lichtbildsammlung, also farbig belichtete Glasplatten, die im Unterricht projiziert werden konnten.

Seit dem Schuljahr 1903/04 unterrichtete Pater Emmanuel an der Kantonsschule Obwalden – am Gymnasium, das er selbst besucht hatte. Er studierte Germanistik und Naturgeschichte und unterrichtete danach Deutsch, aber auch Botanik, Geologie und Urgeschichte. «Über seine Unterrichtssammlung kam Pater Emmanuel nach und nach zum Fach Archäologie», weiss Berweger. Über zwei Jahrzehnte hinweg weitete er sein Netzwerk aus und war mit den Exponenten des Fachs in der ganzen Schweiz und auch im Ausland in Kontakt. «Er erhielt Zusendungen oder wurde auf Grabungen gerufen.» Bevor Pater Emmanuel ein Urteil über einen Fund abgegeben habe, habe er jeweils die Fundstelle besichtigen wollen. Bis 1916 arbeitete er die Funde der Kantone Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden nach modernen Kriterien der Archäologie auf, in den Jahren 1920 bis 1923 verfasste er einen Überblick über die archäologischen Objekte des Kantons Zug. «Er nutzte seine Zeit sehr effizient», sagt Berweger.

 

Trotz Fehlern ein Universalgenie

Die Untersuchung der Schererschen Sammlung hat aber auch einige Fehleinschätzungen offenbart: Funde aus Lungern im Kanton Obwalden schätzte der Sarner Pater als Pfahlbaufunde ein – in der Retrospektive aber waren es keine. Bei einer Reihe von Objekten konnte bei der Untersuchung mit der C14-Methode, einer Kohlenstoffanalyse, gezeigt werden, dass Objekte nicht steinzeitlich, sondern «nur» mittelalterlich sind.

«Bei fast der Hälfte der Funde wissen wir nicht, woher sie kommen», sagt Berweger. Auch deshalb sei die archäologische Aussagekraft der Sammlung eher gering. Der Wert dieser Zeitkapsel, die während fast einem Jahrhundert kaum berührt im Kollegium Sarnen lagerte, ist ein anderer: Sie zeigt, wie ein Pater und Lehrer Anfang des 20. Jahrhunderts unterrichtet und daneben zum Experten für Archäologie wurde. «Pater Emmanuel Scherer stand am Anfang der Professionalisierung der Archäologie», sagt Berweger. «Er war ein Universalgenie.»

 

 

Neue Publikation zu Pater Emmanuel Scherer

Martin Berweger: Pater Emmanuel Scherer. Ein Sarner Benediktiner und die Anfänge der Archäologie in der Zentralschweiz. Mit Beiträgen von Philippe Della Casa, Annina Sandmeier-Walt und Ruth Wiederkehr. Chronos: Zürich 2026 (Murensia 13), 93 S., geb., CHF 12, reich illustriert. 

 

Vernissage am Donnerstag, 25. Juni 2026, 18 Uhr

Buchpräsentation «Pater Emmanuel Scherer». Kollegikirche St. Martin, Brünigstrasse 177, 6060 Sarnen. Anmeldung bis am 20. Juni an geschichte@kloster-muri.ch erwünscht.

 

Vortrag, Dienstag, 30. Juni 2026, 19.30 Uhr

«Pater Emmanuel Scherer – Vater der Archäologie in der Zentralschweiz», Vortrag von Martin Berweger und Christian Harb, Kirchstrasse 1 (Spritzenhaus), 6060 Sarnen

 

Sofagespräch, Mittwoch, 8. Juli 2026, 19.30 Uhr

«Pater Emmanuel und ein Blick hinter die Kulissen», Sofagespräch mit Martin Berweger und Christian Sidler, Museum Bruder Klaus, 6072 Sachseln